Im südlichen Teil des Regenwaldes, nahe des strömenden Amazonas lebten drei Jugendliche, die zu Männer werden wollten. Da war Coroje, der Mutige, Confiado, der Vertrauende und Sereno, der Gelassene. Als die Zeit gekommen war und der Fluss des Lebens ihnen ein Zeichen schenkte, gingen die drei gemeinsam zum Dorfältesten, Sabio, den Weisen.
„Ihr habt also den Entschluss gefasst Erwachsen zu werden“, gab Sabio zu erkennen. „Doch seid ihr wirklich bereit für das Leben?“ stellte er die jungenhaften Gestalten in Frage. Coroje, der Mutige, machte wie immer den Anfang: „Ja, ich bin es“ wetterte er. Vom Übermut des kleinen Coroje fasziniert und erheitert zugleich entgegnete ihm Sabio: „Mutig sein kann nur der, der seine Ängste kennt… Jetzt geh’ und komm erst wieder, wenn du verstehst was ich meine.“
Verblüfft blickte Confiado seinem treuen Spielkameraden hinterher. Voll vertrauen, wie er war, wandte er sich an den Dorfältesten: „Ich glaube, ich bin bereit für das Leben“ brachte Confiado hervor. „Wer vertrauen will, muss aufhören zu glauben. Deshalb traue erst dir selbst, dann traust du anderen und schließlich traust du dich zu leben.“ Mit diesen Worten schickte Sabio auch Confiado fort.
Zurückgelassen von den anderen beiden Altersgenossen blieb Sereno ruhig auf seinem Hocker sitzen und blickte erwartungsvoll in die dunklen Augen des Häuptlings. „Gelassenheit bedeutet nicht Untätigkeit. Gelassen wird nur, wer ablässt von Erwartungen und trotzdem nicht wartet. Wer gleichsam voran schreitet – ganzgleich, was sich ihm in den Weg stellt.“ Sereno verstand nicht…welchen Wert habe dann alles überhaupt noch?
Sabio spürte seine Verunsicherung und fuhr fort: „Gelassenheit ist auch nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit. Egal was sich dir stellt, es wird dir nicht egal sein. Und doch kann niemand den Lauf der Dinge verändern. Das zu akzeptieren ist der Schlüssel zu einem gelassenen Leben.“ So verließ Sereno ohne Aufforderung des Ältesten den Raum. Er hatte entschlossen es für heute sein zu lassen und löste sich vom Gedanken, sofort zum Mann werden zu müssen. Was er dabei nicht merkte: genau das machte ihn ein Stück mehr zu einem gelassenen Menschen.
Sabio lehnte sich zurück und blickte auf seine geschundenen Hände. Als er im jungen Alter war, hatte er fast sein Leben gelassen, um einer der Erwachsenen werden zu wollen. Es war die Feuerprüfung, die an seinem ganzen Körper Brandnarben hinterließ. Erst später habe er verstanden, dass die wahre Prüfung des Lebens jeden Tag stattfindet – ja in jedem Moment. Deshalb schaffte er die grausamen Riten und geheimen Zeremonien ab, die seinen Vorgängern und ihm keine Stärke, sondern nur Leid gebracht hatten.
Doch weise wie er war, ließ er das niemanden wissen. So fürchteten die Heranwachsenden den Tag ihrer Reifeprüfung immer noch. Was sich im Lager von Sabio tatsächlich abspielte drang nicht nach außen, denn wenn seine Schüler einmal verstanden, so waren sie ebenso durch das Feuer gegangen.
© Simeon Holub